Tropfen auf heiße Steine

Die Sprachlosigkeit der letzten Zeit lässt ein wenig nach, kopflose Hektik weicht planerischem Kalkül.
Bei mir, wohlgemerkt.
Tausenden Menschen dort draußen geht es anders.

Der Drang, etwas zu tun, wuchs während der letzten Wochen immer stärker an.
Eine Klamottenspende war schon mit dem DRK vereinbart, zu mehr, wie dem Aushelfen vor dem Berliner Lageso habe ich mich nicht getraut, hinter jeder Ecke lauernde fremdartige Krankheiten und allgemein wilde Zustände herrschten in meinem Kopf vor.
Der Gedanke schwirrte in meinem Kopf, ob das Kind und ich hier nicht etwas zusammenrücken könnten, um geflüchteten Menschen Unterkunft zu gewährleisten.
Wieder Angst vor Ansteckung, kein Platz, es ist eh schon so beengt, mir ist das nichts.

Trotzdem kaufte ich ein paar Hygieneartikel und Spielzeug ein, fasste es als eventuellen Plan fürs Wochenende ins Auge mal zum Gelände zu fahren und das dort abzugeben.
Wieder Zuhause über Facebook die Nachricht: heute kein Bus vorm Lageso, 200 Menschen ohne Unterkunft für die Nacht.
You’re waiting for a sign?
This is it.

In der Turmstraße angekommen, war ich etwas zittrig, wusste nicht, wer und was mich erwartet.
Nervös wollte ich mich anmelden und irgendwo einreihen, bekam als Antwort allerdings nur: „Schön, dass ihr da seid. Sucht euch Leute aus, nehmt sie mit und bringt sie morgen 8.00Uhr wieder her.“
Ähäm. Okay.
Ich war ja noch nie sonderlich kontaktfreudig und spontan, perfekt also für mich.
30min später sitzen vier Menschen aus dem Irak in meinem Auto, müde, verschwitzt, wir sind alle noch etwas überrascht.
Das Kind versucht sie zu beruhigen: „Bei uns ist kein Krieg. Wir haben Zuhause ganz viel zu essen.“
Der Vater versichert mir, wie schön Berlin sei.
Ich wiege zweifelnd den Kopf.
„Iraq: bumm, bumm, bumm.“
Ja.
Berlin ist sauschön, Recht hat er.
Bloß nicht drüber nachdenken, mit Tränen in den Augen fährt es sich so schlecht.

In unserem kleinen Schlaraffenland angekommen, versuche ich mein Chaos unauffällig beiseite zu schaffen (unser Aufbruch war etwas überstürzt, der Abwasch türmt sich, überall liegt noch Spielzeug rum, Bettzeug ist wild zum Trocknen aufgehängt), telefoniere nebenbei mit dem deutschsprachigen Neffen der Familie, weise in den Gebrauch der Waschmaschine ein, verteile Handtücher zum Duschen und kämpfe mit der blubbernden Tomatensoße auf dem Herd. (Was? Da darf kein Brokkoli rein, dann können sie es nicht mehr essen? Also nochmal von vorn. – Keine Ahnung, was mir der Neffe da am Telefon erzählt hat, ich wollte einfach alles richtig machen.)
Irgendwann sind wir alle in unseren Betten, rasch wird es still.

7.00Uhr, das Kind will wecken gehen, kommt aber mit der Nachricht wieder: „Die Menschen bewegen sich nicht.“.
Okay, don’t panic, hingehen, anklopfen, leise ins Zimmer rufen.
Keine Reaktion.
Ein zaghafter Blick ins Bett: zutiefst erschöpfte Menschen liegen zusammengekuschelt in einem Wust aus Decken und Kissen, mein Herz wird schwer.
Wie gern würde ich sie dort drei Tage schlafen lassen, doch sie müssen sich wieder einreihen in die Menge der Wartenden.

Mit leicht schwitzigen Händen (Drückt die Polizei eigentlich ein Auge zu, wenn die Rückbank aus nem guten Zweck überfüllt ist?) fahre ich die vier wieder zurück zum Gelände der Lageso.
Letzte Worte auf den Weg, obwohl wir uns über die Sprache nicht verstehen, Händedrücken, eine Umarmung.
Schnell weg, bevor ich losheule.

Abends sehen wir uns wieder, die Freude ist groß, sie haben einen Platz in einer Unterkunft, sind registriert. Das Kind wird geknutscht und geknuddelt, der Sohn der Familie steckt ihm Müsliriegel, Äpfel und Kaugummis zu, wir versuchen die neuesten Infos mit Händen und Füßen auszutauschen.
Ich bin wieder da.
Diesmal besser vorbereitet mit vorgekochtem Essen und einer improvisierten Tee-Ecke im Zimmer.
Refugees welcome – bring your families.

#BloggerFuerFluechtlinge

3 Gedanken zu “Tropfen auf heiße Steine

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