Den Kopf frei schreiben

Ich liege im Bett und kann nicht schlafen. Tränen tropfen stetig aufs Kissen.
Das dicke Baby liegt an meiner Brust, schläft.
Und schluchzt.

Wir sind in der Klinik, postoperativ nach einer geplanten OP. Nichts dramatisches, nur ätzend.
Heute Nacht ist der iv-Zugang kaputt gegangen. Schlechtes Timing. Nachts ist die Auswahl an Ärzten geringer als gering, es gibt halt einen.
So muss der Assistenzarzt den neuen Zugang legen. Das sei recht schwierig beim dicken Baby sage ich. Ob nicht direkt einer von der Neo hochkommen könnte? Nee, da unten gäbe es einen Notfall, außerdem habe der Arzt viel Erfahrung.
Also hängen ich mir den Katheterbeutel an, schnappe das dicke Baby und schlappe mit.
Es folgt das übliche. Hysterisches Geschrei, Hände, die fest halten, zudrücken, Desinfektionsmittelgeruch, sinnfreie Worte. Ratlose Blicke. Wie das halt so ist, Nachts um ein Uhr.
Der alte Zugang ist noch drin, das Baby wird mit dem Kopf darauf gepresst. Ich versuche mit den Fingern abzupolstern, mache mit, will, dass es funktioniert.
Andere Seite vom Kopf wird probiert. Das Gesicht liegt in den feuchten Resten des Desinfektionsmittels. Wieder schiebe ich meine Hände dazwischen, schaue in das hochrote, tränennasse, zusammengequetschte Gesicht, versuche Blickkontakt herzustellen. Als ob das den Schmerz und die Angst lindern würde.
Es gibt die Regel zwei Mal wird probiert, dann sollte ein anderer Arzt ran. Den gibt es nicht.
Also probieren wir fünf Mal.
Der letzte Versuch ist ein hilfloses Rumstochern in der Hand. Ich fixiere das Baby, spreche mit ihm, schaue genau zu. Irgendwann breche ich ab.
Allgemeine Ratlosigkeit. Für heute Nacht gibts das Antibiotikum als Saft, morgen früh soll der Oberarzt oder einer von der Neo ran.

Und da liegen wir nun.
Ich fühl mich unendlich schlecht, das zugelassen zu haben.
Das auf die harten Plastikteile drücken.
Das Stochern, hin und her, hoch runter, vor zurück. Völlig planlos. Als ob das irgendetwas bringen würde.
Die fünf Versuche. Wobei ich mir doch eigentlich fest vorgenommen hatte, ab sofort nach zweien jemand anderen zu verlangen.

Es tut mir Leid Baby.
Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass es funktioniert, dass ich mich nicht stärker für dich eingesetzt habe.
Ich versuche, beim nächsten Mal resoluter zu sein. Dieses Mal wusste ich einfach nicht, was die Alternative gewesen wäre und hab daher diesen Scheiß mitgemacht.

Wie sehr wünschte ich mir, dir das alles abnehmen zu können. Jeden Stich, jedes Pflaster, jede Entnahme von irgendetwas, den Katheter, die OPs. Die Panik, das Unverständnis, die Verzweiflung, die Schmerzen.
Leider kann ich dir nur meine mittelmäßige Begleitung anbieten.
Am liebsten würde ich dich zurück in den Bauch stopfen, dort, wo du geschützt und unerreichbar für die vielen Hände hier draußen warst. Es keine Notwendigkeiten gab.
Wo du nichts tun musstest, außer zu sein.

1,5 Stunden später und du schluchzt immer noch im Schlaf.
Es tut mir Leid.

6 Gedanken zu “Den Kopf frei schreiben

  1. racheles-welt schreibt:

    Oh Mann, das klingt ja heftig. Wünsche dir viel Kraft und ich bin mir sicher, dass deine Begleitung mehr als nur mittelmäßig ist. Ich denke, jeder hätte hier weiter gehofft, dass es doch noch klappt und dem Arzt erstmal vertraut – also war es bestimmt nicht deine Schuld!

  2. nudge schreibt:

    kenn ich.. bei beiden kids… der Großen (5,5 J.) musste letztens Blut abegnommen werden, zum ersten mal. Hat beim ersten Arm nach 2 Mal probieren nicht geklappt. Dann musste der andere Arm dran… und dass, obwohl sie dann ja wusste, was kommen wird. Unter Tränen und „Nein, nicht nochmal, ich will nach Hause, Mama! Das tut weh!“ und fest in die Augen schauen hat es dann endlich funktioniert, aber es war echt nicht schön…
    Der Kleine (6 Mon.) wurde mit 6 Wochen am Leistenbruch operiert. Um 7 Uhr morgens das letzte mal stillen, da wir angenommen haben, er ist um 11 Uhr dran, dann im Krankenhaus ewiges Warten (Notfall), Baby ständig rumtragen und mit Schnuller einschläfern, Dann endlich um 11.30 Uhr nochmals erlaubte Zuckerwassergabe, das hat er weggetrunken wie nix und hat dann geschlafen bis ich ihn um 14.15 Uhr (!!!) ins Vorzimmer vom OP bringen durfte. In dem Moment, wo er in den OP-Saal abgeholt wurde, wurde er wach… Sie trugen ihn weg, ich bekam ihn 2 Std. später wieder und als er aufgewacht ist, hat er auch geschluchzt und gejammert. Den Zugang hatte er letztendlich am Fuß, mir wurde gesagt, sie hätten es insgesamt 4 mal an den Händen probiert, aber es hat nicht geklappt. Und ich konnte nicht dabei sein, das tat mir so leid. Er wurde von fremden Leuten festgehalten, mit Mundschutz im Gesicht und komischen OP-Klamotten. Oh Mann, wenn ich das jetzt nochmal so aufschreibe, wird mir fast nochmal schlecht…

  3. Okaybritta schreibt:

    Oh Mann ey… Mein Großer rastet ja schon bei einem vereiterten Riesensplitter in der Notaufnahme (okay- ist für ein Kind auch eklig und aua und der Urlaub am Tag drauf mit Papa hing davon ab und Notaufnahme und Kind ist immer kacke…) aus… Und neulich habe ich ihn mit seinen fast acht Jahren zwangsgeimpft beim Kinderarzt und habe bis jetzt keine Ahnung wie das passieren konnte, dass ich ihn zusammen mit zwei Sprechstundenhilfen und dem Arzt festhalte. Als dank hat er mir (berechtigterweise und unbeabsichtigt) ein Veilchen gehauen… Ich, die ich seit der Fersenblutentnahme im Krankenhaus nach seiner Geburt ALLES meinen Exmann, seinen Papa hab machen lassen, weil ich nicht mal beim impfen zugucken mochte. Jetzt beim dicken Baby/Kleinkind muss ich da durch. Ähm. Was ich sagen wollte: DU bist die beste Begleitung, die dein dickes Baby haben kann! Es wird sich später an den ganzen Rotz nicht erinnern… Solange er von Menschen begleitet wird, die ihn lieben. Evtl wird er nie Spritzen mögen (ich lag als Baby im Brutkasten und bekomme bis heute Migräne, wenn mich das Thema streift…) oder wird beim Geruch von Desinfektionsmittel Brechreiz bekommen- dann ist das so. Ich glaube keine Mama (auch kein Papa, aber vielleicht ist es bei Müttern etwas schlimmer) will, dass jemand so zwei bis fünf mal am Kind rumstochert. Nächstes mal wirst du deine und eure Grenze besser spüren und für euch sorgen können. Aber das muss man ja auch erst lernen! Wer setzt sich schon nachts um eins hin und sagt nem Arzt „ey, stop! Jetzt soll da jemand anderes dran!!!“ ? Ich könnte das auch nicht…( Ich hab bis heute nicht mal den Kinderarzt gewechselt, bin schon IMMER bei der Sparkasse und der gleichen Krankenkasse und und und. )
    Naja. Halte durch! Alles gute für euch !!!

  4. Fraki schreibt:

    Ich wünsche dir auch einfach viel Energie,das alles auszuhalten und durchzustehen. Ich denke,du hast dein Allerbestes gegeben! Ich war zweimal mit dem grossen Kind im KKH. War beides Mal auch echt kacke mit Sonde schlucken und so Zeug.12 Stunden nicht stillen etc. Macht mürbe…Aber: Kopf hoch und voran! Sag ich mir (…zumindest manchmal)

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