Mein Tag ohne mich

Zum internationalen Frauentag am heutigen 8.März schreiben viele Bloggerinnen, wie denn der Tag aussehen würde, würden sie die Arbeit niederlegen.
Bei mir wäre das vielleicht so:

5.20 das Baby erwacht, der Gingerman spielt mit ihm, trägt es herum, hofft, dass es bald wieder einschläft, wechselt die Windel, füttert ein Fläschchen.
7.30 der Gingerman fährt zur Arbeit, 30min zu spät, ungeduscht, mit nicht geputzten Zähnen.
Das Baby ist nun ins Tuch geschnallt, Milchpulver muss er unterwegs nochmal neues kaufen, Windeln hat er mit, dafür kein Spielzeug.
7.31 die Leute in der Straßenbahn gucken Vater und Sohn irritiert an. Warum ist er um diese Uhrzeit allein mit Baby unterwegs? Hat er keine Frau?
8.30 Ankunft im Büro, die Blicke schwanken zwischen Dutzi-Dutzi und „Oh. Ähm. Dschi.“. Mit stolzgeschwellter Erstlings-Papa-Brust und nervösem Lächeln bahnt er sich einen Weg zum Schreibtisch.
Die kommenden Stunden entziehen sich meiner Kenntnis, was genau er dort eigentlich macht, weiß ich auch nicht. Heute wird es wohl nur ein Bruchteil des üblichen Pensums sein, immer wieder macht er ein neues Fläschchen, muss nochmal los Milchpulver kaufen, wechselt Windeln, steht mit dem Baby auf dem Arm am Fenster oder trägt es im Park in den Schlaf.
15.20 der Gingerman muss schnell los, das Großkind vom Sport abholen, eigentlich wollte er wenigstens noch diese eine Email beantworten, aber dann käme er zu spät und außerdem ist das Baby eh zu unruhig. Das hätte eigentlich gern noch ein Fläschchen, aber dafür ist nun keine Zeit.
Die Kollegen reagieren eher mit Unverständnis, aber zum Glück ist das ja heute nur eine Ausnahme und sonst bleibt er immer, solange es nötig ist.
15.45 der Gingerman quetscht sich in die volle Bahn, da er mit dem Baby im Tuch Angst hat vor Ellenbogen steigt er etwas vorsichtiger ein, während sich alle anderen an ihm vorbei drängeln.
In der Bahn wiegen Baby und Rucksack schwer, er schwitzt, auch dem Baby ist es zu voll und laut, es protestiert stimmgewaltig, die Blicke der Mitfahrer wirken genervt und ungnädig. Leute drängen herein, drücken gegen das Baby im Tragetuch, schimpfen, das kein Platz sei.
15.56 der Gingerman kommt beim Großkind an, in der Hand noch eine Brötchentüte, als Wegzehrung für den Heimweg. Schnell füttert er noch das Baby bevor die Turnstunde vorbei ist und es zu wuselig wird.
16.10 alles ist besprochen, beide Kinder sind angezogen, sie machen sich zu dritt auf den Heimweg. Der Gingerman trägt das Baby vorn, seinen Rucksack hinten, den Kitarucksack über der Schulter, den Turnbeutel in der linken Hand, rechts hält er das Großkind an der Hand. Dieses ist erschöpft, quält sich den Weg zur Bahn im Schneckentempo. Der Bürgersteig ist schmal, ein nicht enden wollender Strom aus Touristen, abgehetzten Menschen auf dem Weg in den Feierabend und Partypeople wälzt sich über die Brücke. Die kleine Familie ist zu langsam, wirkt als Störfaktor und Bremse, während das Großkind nicht auf die Striche tretend sein Brötchen mümmelt.
16.20 Die Bahn ist gerammelt voll, wieder schieben sich alle am Gingerman mit den Kindern vorbei, das Großkind würde gern sitzen, es ist jedoch kein Platz mehr frei.
16.25 sie rennen um die Anschlussbahn noch zu erwischen. Eine junge Frau bietet dem Kind ihren Platz an. Erschöpft lehnt es dann dort, möchte bis zur Ankunft Schnick-Schnack-Schnuck spielen. Das Baby quengelt, irgendwann schläft es ein. Kollektives Aufatmen. Der ältere Herr schaut immer wieder grimmig herüber, das große Kind spricht in der sonst totenstillen Bahn.
16.50 aussteigen, Fahrstuhl fahren, Kopfschütteln der anderen Menschen im Fahrstuhl, das Kind habe doch gesunde Beine und könne laufen. Unten angekommen wieder rennen zur Straßenbahn, hier gibt es genügend Sitzplätze, das Kind turnt aber lieber an den Stangen herum. Das Baby wacht schlecht gelaunt wieder auf, der Gingerman schwitzt.
17.10 wieder Zuhause haben alle gleichzeitig Hunger, erstmal füttert der Gingerman das Baby, schnallt es sich dann auf den Rücken, macht dem Großkind Joghurt und Apfel. Er räumt grob die Küche auf, beginnt nebenbei zu kochen, Tortellini mit Pesto. Es klingelt an der Tür, immer wieder holen Nachbarn die Pakete der letzten Tage ab. Das Baby kneift schlecht gelaunt in den Hals, zieht an den Haaren, das Wasser kocht über. Keine Ahnung, wo das Paket für die WG nebenan ist, er guckt heute Abend mal.
18.15 der Gingerman bringt dem Kind Tortellini ins Kinderzimmer, wickelt das Baby, probiert nochmal ein Fläschchen. Es schimpft weiter. Aus dem Kinderzimmer dringt der Ruf „Schmeckt niiiicht! Ich hab trotzdem noch Hunger!“. Der Gingerman kocht Reis, setzt sich mit dem Baby an den Tisch, schlingt die heißen Tortellini herunter, während das große Kind immer wieder wütend herein fegt, weil der Reis noch nicht fertig ist.
Als der Gingerman die Hälfte gegessen hat, weint das Baby, er wäscht es, bringt dem Kind Reis, wickelt das Baby und legt sich mit ihm hin.
Die nächsten zwei Stunden versucht er das Baby in den Schlaf zu begleiten, hört sich die Beschwerden des großen Kindes über den Reis an und versucht auf den „Ich bin fertig!!!!“-Ruf aus dem Bad möglichst leise herauszuschleichen.
21.00 das Baby schläft, der Gingerman überredet das Großkind zum Zähneputzen, dieses kann kaum noch die Augen offen halten, möchte aber natürlich trotzdem eine Gute-Nacht-Geschichte.
21.35 Kaum schnarchen beide Kinder synchron in sein Ohr, versucht auch der Gingerman eine bequeme Schlafposition zu finden.
Nach 1,5 Stunden meldet sich das Baby für das erste von vielen Fläschchen für diese Nacht, durch den Husten schläft es heute eh recht unruhig.
Auf dem Esstisch steht noch die halbe Schüssel Tortellini, weitflächig verteilt auf dem Boden liegen die breitgetretenen Essensreste des Babys, im Bett des Kindes trocknet ausgekippter Joghurt ein, die Wäsche in der Waschmaschine stinkt und ein Wasserglas steht unberührt in der Küche.

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