Es wird Zeit für den Frühling.

Ich lese eher selten Artikel von Susanne Mierau, zu unterschiedlich fühlt sich mein Leben an.
Da ist nichts mit geborgenen Obst-Mandalas, liebevoll dekorierten Jahreszeitentischen und diversen außerhäusigen Aktivitäten.
Stattdessen gibt es Tüten-Kartoffelbrei, welchen das große Kind in einem überdimensionierten Legohaufen sitzend einnimmt, während es vorm Tablet total verblödet.
Soviel Realität will Instagram dann doch gar nicht sehen.

Aber heute morgen habe ich zwei Artikel auf „Geborgen wachsen“ gelesen und die haben mir sehr geholfen.
Ich strauchel nämlich noch ganz schön, so als Zwei-Kind-Mutter. Viel zu häufig für meinen Geschmack stehe ich heulend in der Küche, auf dem Rücken das brüllende Baby, vor mir der Versuch eines Mittagessens, aus dem Kinderzimmer tönt es in unregelmäßigen Abständen: „Ich hab Hunger!!! Mama!!! Huuuung. Ngerrrr!!!“.
Oder das große Kind balanciert auf dem Nachhauseweg über jede halbwegs brauchbare Stange, begutachtet Muster auf dem Boden, schnattert, schlendert. Das Baby vor meiner Brust quengelt, hat Hunger/Durst. Ich weiß, dass wir noch mindestens 30min Weg vor uns haben, beginne möglichst unauffällig das Großkind an der Hand zu ziehen, meide Balanciermöglichkeiten, statt auf Muster am Boden starre ich in der Ferne verschwindenden Straßenbahnen hinterher. Irgendwann werde ich dann auch ungeduldig, ungerecht, maulig. Exponential zum Baby.

Dann (und noch viel häufiger) fühle ich mich unfähig beiden Kindern voll und ganz gerecht zu werden. Zweifle an mir, meinen Kräften, meinen Fähigkeiten.
Und ja: bereue. Nur kurz, aber doch immer wieder. Der Gedanke, es wäre besser überhaupt kein Kind in diese Welt gesetzt zu haben weil ich meinen eigenen Ansprüchen an mich nicht gerecht werde, begleitet mich seit Beginn meiner Mutterschaft. Mit dem zweiten Kind jetzt ist er wieder präsenter.

Nunja.
Zurückschieben ist nicht, also muss ich da wohl einfach eine passende Geisteshaltung finden um der doch immer wieder aufkommenden Verzweiflung Herrin zu werden.
Dann finde ich diese Aussage: „Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass das nicht notwendig ist, denn Geschwisterkinder können nicht wie Einzelkinder aufwachsen. Ich kann ihnen nicht in der Weise gerecht werden, wie ich nur einem Kind gerecht wurde. Doch daran ist auch nichts Schlimmes, denn dieser Umstand eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten und Freiräume zur Entwicklung von Kindern.“ (Susanne Mierau auf Geborgen wachsen)
Eine mittelschwere Erleuchtung!
Ich darf es also auch einfach nicht schaffen, zwei Kindern dieselbe ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie das mit nur einem halbwegs möglich war.
Meine Aufgabe ist es, mich frei zu machen, am Unmöglichen nicht zu Verzweiflen, sondern die neuen Gegebenheiten anzunehmen.
Dafür habe ich jetzt sieben Monate gebraucht, während denen mein einziger Hoffnungsschimmer war: „Wenn ich ihnen nicht (ein zugegebenermaßen äußerst diffuses) Alles geben kann, haben sie wenigstens (!) noch die Liebe zueinander.“
Dabei sollte ich es besser wissen, bin ich doch selbst mit einer sehr engen Bindung zu meiner Schwester gesegnet, die uns durch viele Unbillen der Kindheit geholfen hat.

Dankbar bin ich auch für diesenArtikel und die darunter stehenden Kommentare, zeigte er mir doch ganz öffentlich die Tränen, die sonst so selten Erwähnung finden im ganzen Palaver von „Die Liebe verdoppelt sich einfach.“, „Das zweite läuft so nebenher.“, „Du kennst das ja dann schon alles.“ und ähnlichem.
„Es gab Tage, an denen ich vor dem Spiegel im Bad stand mit einem weinenden Baby im Arm. Tränen strömten über mein Gesicht und ich sagte zu mir selbst: „Du musst nur durchhalten. Es wird besser.“ (Susanne Mierau auf Geborgen wachsen)

Meine zweite Mutterschaft anzunehmen fällt mir um einiges schwerer als es beim ersten Mal der Fall war. Nix mit natürlich und automatisch und so.
Aber ganz, ganz vielleicht habe ich das Gefühlskarussel im ersten Jahr mit dem Großen auch einfach schon wieder vergessen.

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. jongleurin sagt:

    Uuuuh. Ich bastele ja mit neuem Partner am ersten gemeinsamen Kind, für mich wäre es das zweite, der Altersabstand wäre mindestens 5 Jahre, was ich eigentlich ganz komfortabel finde. Was du beschreibst, kann ich mir aber auch sehr lebhaft vorstellen… Ich denke, das mit dem Vergessen, das ist eine sehr wahrscheinliche Theorie. Aber auch die These: „Es wird alles besser“ ist nicht von der Hand zu weisen!

    Schön übrigens, dass du wieder öfter schreibst. Ich mag die realistischen Blogs ja einen Ticken lieber als die Puschel-Blogs, und ich versuche sehr, beim Lesen die Balance zwischen beiden zu halten.

    Ich habe früher schon mich viel bei dir gelesen, damals warst du mit dem Igel noch ohne neuen Partner, und soweit ich mich erinnere, hattet ihr auch das Wechselmodell. Jetzt hat sich ja viel verändert, sehr großartig! Praktiziert ihr mit dem Vater des Punkts immer noch die 50/50-Aufteilung? (Falls das zu privat ist oder ich hier etwas verwechsele, einfach ignorieren!)

  2. jongleurin sagt:

    Na, „Vater des Igels“, meine ich. Der Punkt war ein anderer Blog. Sorry!

    1. Nix is mir zu privat! 😉
      Also wir haben so ein 60-70/30-40 Modell.
      Sprich: das Kind ist je nach Woche 1-2 Tage mehr bei mir als beim Papa.
      Das klappt so semi gut. Manchmal total problemlos, phasenweise nur mit körperlicher Gewalt, vielen Tränen und totaler Rat-(sowie Fassungs-) losigkeit.

      Das Kind wäre gern mehr bei mir, dem Papa wäre das dann jedoch zuviel.
      Wir gehen circa ein Mal im Jahr zu einer Beratungsstelle, um das zu besprechen, der Erfolg ist mäßig.

      Irgendwann werde ich da wohl auch nochmal drüber schreiben, das Thema treibt mich doch sehr um.

      Aber schön, dass du hier schon länger mitliest! Ich genieße es auch, wieder mehr durchs Schreiben loswerden zu können. 🙂

  3. Unsichtbar sagt:

    Wir essen auch mit 19 Monate Baby noch andauernd Nudeln mit tomatensoße und ab und zu auch mal kekse zu abend. ja auch das kleinkind. ich verspreche dass es besser wird. bald.

    1. Ich hoffe wenigstens frisch gebackene, zucker-,glutenfreie Bio-Chiasamen-Kekse? 😛
      Aber ja, hier isst das große Kind zum Abendbrot auch gerne mal Eis. Was ein Typ ey..

      Liebste Grüße von Familie Liederlich an euch vier!

  4. msoflannagan sagt:

    Danke für den Artikel, ich lese auch lieber deinen Blog (den ich gerade erst gefunden hab ^^) als mir Bilder von perfekten Obstmandalas anzuschauen. Ich hab zwar „nur“ ein Kind, aber das Essensthema ist hier auch gerade so nervig, hab heute fast eine Stunde versucht ein halbwegs normals Mittagessen hinzubekommen (während Kind herzerweichend an meinem Bein hing und mir laut zu verstehen gab, dass ich Bahn spielen soll mit ihm), um es danach in die Tonne zu hauen, weil er grad eh keinen Hunger hatte. Der Hunger kam dann später, als ich nur drei Kekse einstecken hatte -.- Bin auch für mehr Realität auf Instagram und den Mamablogs, auch bzw speziell dann, wenn ich ein Kind angucken kann, dass inmitten von nem Legeberg Tütenkartoffelbrei schlemmt!

    1. Ja das Essensthema ist hier gerade echt sehr emotional aufgeladen.
      So so so oft, isst außer dem Baby und mir niemand meine kulinarischen Ergüsse – dreist!!! Und ich kann unmöglich die dreifache Menge essen, bzw wäre ich damit den Rest der Woche beschäftigt..
      Während ich mir also wutentbrannt meine Sellerieschnitzel reinstopfe, essen Mann und Kind Nudeln mit Pesto, mindestens 3x die Woche.
      Gnah.
      Irgendwann trete ich in den Streik. (Darüber wären sie vermutlich sogar noch glücklich.)

  5. wie gut ich das kenne ❤ fühl dich verstanden. Liebe Grüße

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