Generation Selfie

Da bin ich, glaube ich, knapp daran vorbei gerutscht. Mit Anfang Dreißig gehöre ich wohl eher der Generation Irgendwas-zwischen-Wendekinder-und-Smartphone an, vielleicht auch der nichts-könnenden-alles-wollenden Generation Y.
In meiner Wahrnehmung werden diese Generationenbeschreibungen selten positiv angewandt, es geht doch eher um im besten Falle Macken und Besonderheiten, meist einfach um angebliche Defizite und ganz vor Allem dringendlich um den stetig voranschreitenden Verfall der abendländischen Kultur. Früher war alles besser und wir hatten ja nichts. Schon gar nicht diese komischen Telefone, Schmartphone oder wie die auch heißen.
Nun also diese oberflächliche Selfie-Kultur, Menschen die den ganzen Tag Fotos von sich und ihrem Essen machen, dabei vor lauter Like-Geilheit in einen Abgrund stürzen und vom Zug überfahren werden, haha, schön dumm.
Taff und Explosiv hatten darüber ja schon vor ein paar Jahren berichtet, nun schlagen aber auch die Experten im Kurier Alarm. Die jungen Leute verdummen alle, starren nur noch in ihre Telefone, machen 24/7 selbstverliebte Fotos.

ICH sehe Menschen, die sich und ihren Körper, ihr Leben feiern oder zumindest versuchen dazu zu stehen. Gar nicht so einfach wenn Selbstoptimierung ein Muss ist, höher, schneller, schlanker, weiter weg. Gewagt, wer da einen (oder noch verwegener: gar keinen) stinknormalen Job hat, zwischen Kita, Sofa, Kleingartenhaus rotiert und das auch noch öffentlich zugibt.
Da werden Schwangerschaftsstreifen neben Augenringen und Fledermausarmen in Szene gesetzt, die normalen Essgewohnheiten des Alltags inklusive Chips, Spaghetti und Eis vorm Laptop dokumentiert. Ein Stück Realität in einer nach Perfektionismus strebenden Welt mit weißen Zimmern, makellosen Körpern, lückenlosen Lebensläufen. (Wer hat eigentlich keinen lückenlosen? Also ich hab nie einfach zwischendrin aufgehört zu atmen und Pause vom Leben gemacht. Das ist immer weiter gelaufen, auch als ich Kinder bekommen habe oder durch Polen getrampt bin.)

Klar, ein bisschen muss mensch nach der Realität suchen. Es werden überwiegend positive Momente festgehalten, was für mich selbst jedoch ziemlich gut passt. Eine Aneinanderreihung von Alltagsgräue und Katastrophen kann ich mir ziemlich leicht woanders besorgen.
Da gucke ich mir lieber Kochrezepte und Kinder auf Heuballen an. Flucht aus der Realität oder der Versuch am großen, gruseligen Ganzen nicht zu verzweifeln?

Heute hab ich mich schon beim Aufstehen kacke gefühlt, das Geld ist gerade knapp, meine Freundin hat mich letzten Monat verlassen und gerade kam die dritte Absage diese Woche für einen Job rein und es ist Montag.

Dann lenke ich also meinen Fokus auf mein Frühstück, richte die Smoothie-Bowl aus Tiefkühlobst mit alten Cornflakes schön an, zelebriere, suche nach dem perfekten Licht dafür, statt es einfach in mich reinzustopfen und dabei schon die Jacke überzustülpen. (Achtsamkeit ick hör dir trappsen.)
Auf dem Weg zum Jobcenter scheint mir die Herbstsonne ins Gesicht, also Selfie gemacht, Filter drüber, ab dafür.
Herzen und Likes als Zeichen der Wahrnehmung. Ich bin da. Menschen nehmen mich wahr. Vielleicht nicht die Busfahrerin, aber dafür kommentiert Anna aus der Schweiz mit ein paar bunten Blätter-Emojis.

Wenn ich mich heute wegen dem dicksten Pickel der Welt der anscheinend vergangene Nacht in einem Anfall von Größenwahn beschlossen hat für die kommenden drei Monate auf meinem Kinn zu residieren, schon den ganzen Tag  wie Quasimodo fühle, dann tut es ziemlich gut für meinen monatelang trainierten Bizeps Komplimente zu bekommen während ich übermüdet in Menschenmassen stehend auf den Bus nach Hause warte.

Auf dem ewig gleichen Weg zum Kindergarten bekomme ich ein Foto meiner liebsten Freundin, sie lächelnd mit dem Baby im Tragetuch auf dem Rücken. 700 Kilometer Entfernung und doch fühle ich mich ihr plötzlich nah und mein Weg erscheint weniger langweilig. Also schnell Arm ausgestreckt und ein Foto zurück geschickt. Hallo meine Liebe, schön, dass es dich gibt.

Doch dann läufst du vorbei, rempelst mich an, tutterst, dass ich wohl echt nichts anderes zu tun hätte.

Und ja, manchmal hab ich auch echt nichts anderes zu tun. Nichts offensichtlich produktives, lohn- oder doch zumindest hausarbeitendes.
Schaffe, schaffe, Häusle baue – leckomio.
Das könnt ihr Älteren mir nicht erzählen, dass ihr niemals nie nicht einen Moment der Muße hattet, zwischen Windeln auskochen und 23h arbeiten. Wenn ihr wirklich keinen hattet – war das schön? Warum wollt ihr das dann für uns?

Während du frühere, fleißige Generation nach Feierabend auf ein (oder zwei oder drei) schweigend eingenommene Biere in die Kneipe gehst, zur Entspannung zwischen Bügeln und Essen kochen den Fernseher anmachst, schaue ich mir halt an, wohin die feministische Bloggerin heute Abend mit dem Zug reist. Lache über den mit Reis und Soße verschmierten Fußboden einer anderen Mama, froh, nicht als einzige den halben Tag auf Knien hinter einem Kleinkind hinterher zu wischen.

(Wahrscheinlich wirst du das hier gar nicht lesen, weil du nicht weißt, wie man das Internet anschaltet oder dafür gar keine Zeit hast, da du den neuen Lidl-Katalog nach Schnäppchen durchsuchen musst.)

Disclaimer: vieles hiervon ist erfunden. Ich habe nämlich gar keine Bizeps und würde auch im Leben nicht monatelang für ebensolche trainieren.

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