Im April werde ich…

(Ich weiß, ich weiß, ich bin etwas spät dran, trotzdem möchte ich gern noch mitmachen.)

…weitere Geburtstage feiern.
…wirklich mal den Balkon bepflanzen. (Hoffentlich)
…mit Kind und Kegel für eine Woche nach England fliegen.
…weiter zuckerfrei leben.
…zuckerfreie Kuchen backen.
…am Babyalbum des großen Kindes weiter basteln.
…viel spazieren gehen.
…die Sonne genießen.
…Bärlauch sammeln.
…die letzte Umzugskiste auspacken.
…die ersten zwei Umzugskisten wieder einpacken.
…mehr trinken.
…diverse Geburtstagspäckchen losschicken.
…den Vertrag für die Schule unterschreiben.

Nach einer Idee von Frische Brise

Als ich mich entschloss dich zu lieben

„Ich werde dich lieben,
dich lieben bis zum Tod.
Werd dich lieben
bis ans Ende der Welt.
Die Menschen werden sich lieben,
vergessen und lieben,
doch ich werde dich lieben bis zum Tod.

Ich werde dich lieben, ich werde dich lieben,
werd dich lieben weit über den Tod.
Die Menschen werden sich lieben,
vergessen und lieben.
Doch ich werde dich lieben bis zum Tod.
Meine Seele fliegt zu dir weg,
und sie fliegt dir in dein Herz.“

(Rio Reiser)

Wo beginnen?
Zu Anfang fühlte sich alles normal an.
Schon beim großen Kind schoß kein Mutterblitz in mich, ich verliebte mich langsam und leise in mein Kind, tue es eigentlich immer noch, jeden Tag ein bisschen mehr.
Beim Baby war es anders.

Gute zweieinhalb Wochen nach der Geburt fuhr ich ein nasenflügelndes, hoch fieberndes Kind ins Krankenhaus. Der Vater saß auf der Rückbank, beobachtete. Hoffentlich gut genug.
Die Ärzte in der Klinik waren unruhig, suchten.
Während der ersten Untersuchung war ich nicht dabei, saß drei Zimmer weit weg, habe getrunken, gegessen, versucht gegen den Schwindel anzukämpfen. Das Baby hat geweint, 45min lang. Ziemlich lang. Ich versuchte, nichts zu fühlen. Die schlechten Nachrichten sollten nicht bis zu mir durchdringen. Stattdessen Zeitschriften lesen, die Angst mit Kaffee runterspülen.
Das ich es im Stich gelassen habe, werde ich mir nie verzeihen, auch, wenn ich mich in der Situation unfähig fühlte, anders zu entscheiden.

Zum Glück kam mit dem Baby die Entwarnung in den Raum, 10 Tage Antibiose, das sollte helfen.
Tagsüber war ich professionell, habe mein Baby gestillt, gewickelt, gehalten. Auch gehalten, während diverse Assistenzärzte versuchten Zugänge zu legen. Den Arm gestaut. Pflaster angereicht. Gehalten, während Katheter geschoben wurden. Das Antibiotikum gespritzt wurde, was vermutlich gebrannt und gedrückt hat.
Geweint habe ich erst, wenn es dunkel und ruhig wurde.
Jede Nacht.

Vor der ersten OP eine Woche später habe ich mir vorgenommen, das Kind lieber nicht zu sehr zu lieben. Wer weiß.
Mit meinem keinen Monat alten Baby im Arm stand ich dann doch bitterlich schluchzend an der Schleuse, völlig unfähig Fragen nach Namen, Geburtsdatum und geplanter Operation zu beantworten.
Ich blieb allein und verquollen auf der anderen Seite der großen Metalltür, während der Anästhesist mein Baby weg trug. Gern hätte ich mich trösten lassen.
Es blieb nur Laufen, Laufen, Laufen. Mein wundes Herz verbergen.
Weiter Nachts weinen, wenn es niemand sehen konnte. Der Gingerman war nur tagsüber im großen Krankenhaustrubel zu Besuch. Einmal auch das große Kind. Nachdem es wieder gegangen war, musste ich doch mal in aller Helligkeit weinen.

Eine zweite OP folgte acht Wochen später.

Zuhause hatte ich die Mahnungen im Kopf, ich solle immer achtsam sein. Im Falle des Falles direkt wieder in die Klinik fahren.

Das Baby hat viel geweint, für mich schon recht früh zu viel.
Das große Kind hat damals deutlich mehr gebrüllt, ich habe es gehalten, nackt auf mich gelegt, mit geweint.
Beim Baby fühlte ich mich genervt, hatte keine Muße. Stand mit dem brüllendem Kind vorm dunklen Fenster, habe in die Nacht geschaut und war wütend statt mitfühlend.
Immer wieder kam der Gedanke: „Das war ein Fehler. Ein ganz großer Fehler. Ich kann dich nicht lieben, ich hasse dich.“
Zuneigung spürte ich nur bei Wohlverhalten des Babys, sobald es etwas anstrengender wurde, kam meine Wut.
Meine Hoffnung war, dass die Liebe von Vater und Bruder mein mangelndes Gefühl ausgleichen würde.

Mit den Monaten weinte das Baby weniger, ich wurde entspannter. Trotzdem war ich fest davon überzeugt, es niemals so lieben zu können wie das große Kind. Ich spürte eine Barriere zwischen uns. Trotz des Lächelns, Kuschelns, Stillens konnte das Baby nicht bis zu meinem Herzen durchdringen.
Immer noch bereute ich in schwierigen Situationen die Entscheidung für ein zweites Kind.
Zwei Mal versuchte ich mit jemandem darüber zu sprechen. Nur zaghaft, berichtete nicht von der Wucht meiner Gefühle. Trotzdem erhielt ich strafende Blicke und hatte im Nachhinein ein unsagbar schlechtes Gewissen. Zu Recht.
Ich überlegte hin und her, ob ich eine postpartale Depression haben könnte. Entschied mich jedoch dagegen, da es mir außer an der Liebe zum Baby an Nichts fehlte.

Die Kontrolluntersuchungen im Krankenhaus waren derweil okay. Nicht super, aber auch nicht wirklich schlecht.

Die Monate vergingen rasend schnell, plötzlich war das Baby ein halbes Jahr alt und ich hatte immer noch das Gefühl, es wäre mir fremd, gerade erst zu uns gekommen. Ich hatte das erste halbe Jahr irgendwie verpasst.

Eine meiner liebsten Freundinnen kam mit ihrem Baby zu Besuch.
Ich beobachtete etwas neidisch und auch verständnislos ihre Liebe zu ihrem Kind. Vorbehaltlos, klebrig süß, stark.
Mein Baby versorgte ich, liebkoste es und schaute dabei doch eher von Außen zu, statt mich der Wonne zu ergeben.
Schließlich sprach ich das Thema vorsichtig an.
Das ich das große Kind immer mehr lieben würde, mir während des ersten Klinikaufenthaltes die Liebe zum Baby untersagt hätte.
Das so ganz klar auszusprechen tat gut. Erleichterte meine Last etwas.

Am kommenden Tag fiel sinngemäß folgender Ausspruch: „Ihr hattet ja auch bisher keine schöne Babyzeit. Die habt ihr erst jetzt.“

Den Abend darauf lag ich im Bett, neben dem Gingerman, das Baby auf der anderen Matratze. Eine Armlänge entfernt.

Und dann beschloss ich, das Baby zu lieben.
Nahm seine Hand, öffnete mein Herz, ließ Liebe strömen, verband mich mit dem kleinen Menschen. (Nach dem „Rosa Herzensfaden“ von Brigitte Meissner, falls das jemand kennt.)
Ich hielt es neben dem Gingerman nicht mehr aus, rutschte rüber zum Baby, liebkoste und genoß es.
So abgehoben es klingen mag: plötzlich fühlte ich mich ganz und gar durchströmt von Liebe, hatte Schmetterlinge im Bauch.
Und Hoffnung.
Auf eine „normale“ Mutter-Kind-Bindung. Ohne professionelle Hilfe von Außen, welche ein vorheriges Eingestehen meiner Unfähigkeit zur Bedingung hätte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich obiges Lied von Rio Reiser im Kopf und Liebe im Herzen.
Seitdem knuddeln wir im Bett, ich genieße das Nichts-Tun, beobachte, genieße die brutalen Zärtlichkeiten des kleinen Menschleins.
Meines zweiten Sohnes.
True Story.

„Ich werde dich lieben…“

Es wird Zeit für den Frühling.

Ich lese eher selten Artikel von Susanne Mierau, zu unterschiedlich fühlt sich mein Leben an.
Da ist nichts mit geborgenen Obst-Mandalas, liebevoll dekorierten Jahreszeitentischen und diversen außerhäusigen Aktivitäten.
Stattdessen gibt es Tüten-Kartoffelbrei, welchen das große Kind in einem überdimensionierten Legohaufen sitzend einnimmt, während es vorm Tablet total verblödet.
Soviel Realität will Instagram dann doch gar nicht sehen.

Aber heute morgen habe ich zwei Artikel auf „Geborgen wachsen“ gelesen und die haben mir sehr geholfen.
Ich strauchel nämlich noch ganz schön, so als Zwei-Kind-Mutter. Viel zu häufig für meinen Geschmack stehe ich heulend in der Küche, auf dem Rücken das brüllende Baby, vor mir der Versuch eines Mittagessens, aus dem Kinderzimmer tönt es in unregelmäßigen Abständen: „Ich hab Hunger!!! Mama!!! Huuuung. Ngerrrr!!!“.
Oder das große Kind balanciert auf dem Nachhauseweg über jede halbwegs brauchbare Stange, begutachtet Muster auf dem Boden, schnattert, schlendert. Das Baby vor meiner Brust quengelt, hat Hunger/Durst. Ich weiß, dass wir noch mindestens 30min Weg vor uns haben, beginne möglichst unauffällig das Großkind an der Hand zu ziehen, meide Balanciermöglichkeiten, statt auf Muster am Boden starre ich in der Ferne verschwindenden Straßenbahnen hinterher. Irgendwann werde ich dann auch ungeduldig, ungerecht, maulig. Exponential zum Baby.

Dann (und noch viel häufiger) fühle ich mich unfähig beiden Kindern voll und ganz gerecht zu werden. Zweifle an mir, meinen Kräften, meinen Fähigkeiten.
Und ja: bereue. Nur kurz, aber doch immer wieder. Der Gedanke, es wäre besser überhaupt kein Kind in diese Welt gesetzt zu haben weil ich meinen eigenen Ansprüchen an mich nicht gerecht werde, begleitet mich seit Beginn meiner Mutterschaft. Mit dem zweiten Kind jetzt ist er wieder präsenter.

Nunja.
Zurückschieben ist nicht, also muss ich da wohl einfach eine passende Geisteshaltung finden um der doch immer wieder aufkommenden Verzweiflung Herrin zu werden.
Dann finde ich diese Aussage: „Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass das nicht notwendig ist, denn Geschwisterkinder können nicht wie Einzelkinder aufwachsen. Ich kann ihnen nicht in der Weise gerecht werden, wie ich nur einem Kind gerecht wurde. Doch daran ist auch nichts Schlimmes, denn dieser Umstand eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten und Freiräume zur Entwicklung von Kindern.“ (Susanne Mierau auf Geborgen wachsen)
Eine mittelschwere Erleuchtung!
Ich darf es also auch einfach nicht schaffen, zwei Kindern dieselbe ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie das mit nur einem halbwegs möglich war.
Meine Aufgabe ist es, mich frei zu machen, am Unmöglichen nicht zu Verzweiflen, sondern die neuen Gegebenheiten anzunehmen.
Dafür habe ich jetzt sieben Monate gebraucht, während denen mein einziger Hoffnungsschimmer war: „Wenn ich ihnen nicht (ein zugegebenermaßen äußerst diffuses) Alles geben kann, haben sie wenigstens (!) noch die Liebe zueinander.“
Dabei sollte ich es besser wissen, bin ich doch selbst mit einer sehr engen Bindung zu meiner Schwester gesegnet, die uns durch viele Unbillen der Kindheit geholfen hat.

Dankbar bin ich auch für diesenArtikel und die darunter stehenden Kommentare, zeigte er mir doch ganz öffentlich die Tränen, die sonst so selten Erwähnung finden im ganzen Palaver von „Die Liebe verdoppelt sich einfach.“, „Das zweite läuft so nebenher.“, „Du kennst das ja dann schon alles.“ und ähnlichem.
„Es gab Tage, an denen ich vor dem Spiegel im Bad stand mit einem weinenden Baby im Arm. Tränen strömten über mein Gesicht und ich sagte zu mir selbst: „Du musst nur durchhalten. Es wird besser.“ (Susanne Mierau auf Geborgen wachsen)

Meine zweite Mutterschaft anzunehmen fällt mir um einiges schwerer als es beim ersten Mal der Fall war. Nix mit natürlich und automatisch und so.
Aber ganz, ganz vielleicht habe ich das Gefühlskarussel im ersten Jahr mit dem Großen auch einfach schon wieder vergessen.

Mein Tag ohne mich

Zum internationalen Frauentag am heutigen 8.März schreiben viele Bloggerinnen, wie denn der Tag aussehen würde, würden sie die Arbeit niederlegen.
Bei mir wäre das vielleicht so:

5.20 das Baby erwacht, der Gingerman spielt mit ihm, trägt es herum, hofft, dass es bald wieder einschläft, wechselt die Windel, füttert ein Fläschchen.
7.30 der Gingerman fährt zur Arbeit, 30min zu spät, ungeduscht, mit nicht geputzten Zähnen.
Das Baby ist nun ins Tuch geschnallt, Milchpulver muss er unterwegs nochmal neues kaufen, Windeln hat er mit, dafür kein Spielzeug.
7.31 die Leute in der Straßenbahn gucken Vater und Sohn irritiert an. Warum ist er um diese Uhrzeit allein mit Baby unterwegs? Hat er keine Frau?
8.30 Ankunft im Büro, die Blicke schwanken zwischen Dutzi-Dutzi und „Oh. Ähm. Dschi.“. Mit stolzgeschwellter Erstlings-Papa-Brust und nervösem Lächeln bahnt er sich einen Weg zum Schreibtisch.
Die kommenden Stunden entziehen sich meiner Kenntnis, was genau er dort eigentlich macht, weiß ich auch nicht. Heute wird es wohl nur ein Bruchteil des üblichen Pensums sein, immer wieder macht er ein neues Fläschchen, muss nochmal los Milchpulver kaufen, wechselt Windeln, steht mit dem Baby auf dem Arm am Fenster oder trägt es im Park in den Schlaf.
15.20 der Gingerman muss schnell los, das Großkind vom Sport abholen, eigentlich wollte er wenigstens noch diese eine Email beantworten, aber dann käme er zu spät und außerdem ist das Baby eh zu unruhig. Das hätte eigentlich gern noch ein Fläschchen, aber dafür ist nun keine Zeit.
Die Kollegen reagieren eher mit Unverständnis, aber zum Glück ist das ja heute nur eine Ausnahme und sonst bleibt er immer, solange es nötig ist.
15.45 der Gingerman quetscht sich in die volle Bahn, da er mit dem Baby im Tuch Angst hat vor Ellenbogen steigt er etwas vorsichtiger ein, während sich alle anderen an ihm vorbei drängeln.
In der Bahn wiegen Baby und Rucksack schwer, er schwitzt, auch dem Baby ist es zu voll und laut, es protestiert stimmgewaltig, die Blicke der Mitfahrer wirken genervt und ungnädig. Leute drängen herein, drücken gegen das Baby im Tragetuch, schimpfen, das kein Platz sei.
15.56 der Gingerman kommt beim Großkind an, in der Hand noch eine Brötchentüte, als Wegzehrung für den Heimweg. Schnell füttert er noch das Baby bevor die Turnstunde vorbei ist und es zu wuselig wird.
16.10 alles ist besprochen, beide Kinder sind angezogen, sie machen sich zu dritt auf den Heimweg. Der Gingerman trägt das Baby vorn, seinen Rucksack hinten, den Kitarucksack über der Schulter, den Turnbeutel in der linken Hand, rechts hält er das Großkind an der Hand. Dieses ist erschöpft, quält sich den Weg zur Bahn im Schneckentempo. Der Bürgersteig ist schmal, ein nicht enden wollender Strom aus Touristen, abgehetzten Menschen auf dem Weg in den Feierabend und Partypeople wälzt sich über die Brücke. Die kleine Familie ist zu langsam, wirkt als Störfaktor und Bremse, während das Großkind nicht auf die Striche tretend sein Brötchen mümmelt.
16.20 Die Bahn ist gerammelt voll, wieder schieben sich alle am Gingerman mit den Kindern vorbei, das Großkind würde gern sitzen, es ist jedoch kein Platz mehr frei.
16.25 sie rennen um die Anschlussbahn noch zu erwischen. Eine junge Frau bietet dem Kind ihren Platz an. Erschöpft lehnt es dann dort, möchte bis zur Ankunft Schnick-Schnack-Schnuck spielen. Das Baby quengelt, irgendwann schläft es ein. Kollektives Aufatmen. Der ältere Herr schaut immer wieder grimmig herüber, das große Kind spricht in der sonst totenstillen Bahn.
16.50 aussteigen, Fahrstuhl fahren, Kopfschütteln der anderen Menschen im Fahrstuhl, das Kind habe doch gesunde Beine und könne laufen. Unten angekommen wieder rennen zur Straßenbahn, hier gibt es genügend Sitzplätze, das Kind turnt aber lieber an den Stangen herum. Das Baby wacht schlecht gelaunt wieder auf, der Gingerman schwitzt.
17.10 wieder Zuhause haben alle gleichzeitig Hunger, erstmal füttert der Gingerman das Baby, schnallt es sich dann auf den Rücken, macht dem Großkind Joghurt und Apfel. Er räumt grob die Küche auf, beginnt nebenbei zu kochen, Tortellini mit Pesto. Es klingelt an der Tür, immer wieder holen Nachbarn die Pakete der letzten Tage ab. Das Baby kneift schlecht gelaunt in den Hals, zieht an den Haaren, das Wasser kocht über. Keine Ahnung, wo das Paket für die WG nebenan ist, er guckt heute Abend mal.
18.15 der Gingerman bringt dem Kind Tortellini ins Kinderzimmer, wickelt das Baby, probiert nochmal ein Fläschchen. Es schimpft weiter. Aus dem Kinderzimmer dringt der Ruf „Schmeckt niiiicht! Ich hab trotzdem noch Hunger!“. Der Gingerman kocht Reis, setzt sich mit dem Baby an den Tisch, schlingt die heißen Tortellini herunter, während das große Kind immer wieder wütend herein fegt, weil der Reis noch nicht fertig ist.
Als der Gingerman die Hälfte gegessen hat, weint das Baby, er wäscht es, bringt dem Kind Reis, wickelt das Baby und legt sich mit ihm hin.
Die nächsten zwei Stunden versucht er das Baby in den Schlaf zu begleiten, hört sich die Beschwerden des großen Kindes über den Reis an und versucht auf den „Ich bin fertig!!!!“-Ruf aus dem Bad möglichst leise herauszuschleichen.
21.00 das Baby schläft, der Gingerman überredet das Großkind zum Zähneputzen, dieses kann kaum noch die Augen offen halten, möchte aber natürlich trotzdem eine Gute-Nacht-Geschichte.
21.35 Kaum schnarchen beide Kinder synchron in sein Ohr, versucht auch der Gingerman eine bequeme Schlafposition zu finden.
Nach 1,5 Stunden meldet sich das Baby für das erste von vielen Fläschchen für diese Nacht, durch den Husten schläft es heute eh recht unruhig.
Auf dem Esstisch steht noch die halbe Schüssel Tortellini, weitflächig verteilt auf dem Boden liegen die breitgetretenen Essensreste des Babys, im Bett des Kindes trocknet ausgekippter Joghurt ein, die Wäsche in der Waschmaschine stinkt und ein Wasserglas steht unberührt in der Küche.

Im März werde ich…

… drei Tage Besuch von einer meiner allerliebsten Freundinnen bekommen und endlich ihr Baby kennen lernen.

…diverse Geburtstage feiern (unter anderem meinen eigenen).

…den hoffentlich letzten Kontrolltermin mit dem Baby im Krankenhaus haben.

…mal wieder zur Uni gehen.

…zuckerfrei leben.

…mit dem großen Kind ein paar Samen säen.

…eine Hose nähen.

…meinen Schreibtisch einrichten.

…Frühlingsluft schnuppern.

…mehr bloggen. 😉

Nach einer Idee von Frische Brise

Sonntagssüß

Kurz nach sieben muss es sein, durch den Spalt im Vorhang fällt schummrige Helligkeit.
Das Baby neben mir wurschtelt rum, fummelt an meinem Tshirt, guckt mich im Dämmerlicht mit großen Knopfaugen an.
Ich kneife die Augen noch zu, in der Hoffnung, es würde vielleicht einfach wieder einschlafen.

Nach einer Weile dreht es sich zu seinem großen Bruder um.
Betrachtet ihn und fängt dann ganz langsam an das geliebte Gesicht zu befühlen.
Eine Hand streicht über die Wange, die andere kommt hinzu, zieht voller Zärtlichkeit an den hellblonden, mit Süßigkeiten verklebten Haarsträhnen.
Weiter tasten, schauen.
Die Finger wandern zum Hals, zu lange Nägel kneifen voller Lust zu fest zu.
Der große Bruder hat die Augen weiterhin geschlossen, bis gerade eben dachte ich, er würde noch schlafen.
Nun nimmt er die kneifenden Babyhände, platziert sie wieder auf seinen Wangen, umarmt das Baby, zieht es näher heran und lässt sich weiter befühlen.
Das Baby gurrt voller Wonne, streichelt, der vermutliche geöffnete Mund wird Richtung brüderliche Nase gehoben.
Ich sehe nur den kahlen Hinterkopf, das zufriedene Grinsen des Großen und genieße.

Ich habe nicht weiter gemacht

Heute erscheint ein Beitrag von mir im umstandslos Magazin, welches diese Ausgabe das Thema „Weitermachen“ hat.
Im Zuge dessen noch ein Text von mir zum Nicht-Weitermachen, was nicht zwangsläufig „Aufhören“ bedeutet.

Ich gebe nicht leichtfertig auf, sowohl beruflich als auch privat habe ich mich durch einige Beziehungen und Tätigkeiten gequält. Mehr oder minder tapfer durchhalten, das Positive suchen, ein (mein?) Ziel im Auge behalten.

Aber einmal habe ich mich gegen das Weitermachen entschieden.

Und das war so:

November 2013.

Ich war mit meinem damals fast 3-jährigen Kind in einer Ferienwohnung an der Ostsee, unseren Sommerurlaub nachholen.

Der fand nämlich nicht statt, weil ich gearbeitet hatte, im Sommer war immer besonders viel zu tun, da gab es auch keine freien Wochenenden.

Aber diese eine Woche Urlaub hatte ich mir frei gehalten. Außerhalb der Saison sind Unterkünfte eh günstiger, sagte ich mir.

Ich wollte mich erholen, abschalten, den Kopf frei bekommen.

Nur für das Kind da sein, ohne aufs Telefon zu schielen und nebenbei Beratungen durchzuführen.

Auf meinem Telefon trudelten ständig Nachrichten ein, von Klientinnen, Kolleginnen. Vergessene Telefonnummern, Kursanfragen, Milchstau.

Und ich?

Ich hatte wahnsinnig schlechte Laune, war einfach müde, unfassbar müde. Vom Kind genervt schleppte ich mich durch den Tag, versuchte die Arbeits-Nachrichten zu ignorieren und ärgerte mich trotzdem über sie.

Ausgebrannt fühlte ich mich, nach gerade mal drei Jahren Freiberuflichkeit.

In meinem Kopf rumorte es: Scheiße, du bist gerade mal 28 und fühlst dich, als stündest du kurz vorm Burnout. Dein Kind jonglierst du zwischen Kita, Vater und Großeltern, damit auch die Wochenende abgedeckt sind. Das ist doch lächerlich.

Ich kaufte mir ein Notizbuch, schrieb auf die erste Seite „Anne wird organisiert“ und stellte eine Bucketlist für mein Leben zusammen.

Während ich mit dem Kind durch Matschpfützen rutschte, sich Kletten an unseren Hosenbeinen sammelten und ich mir warmen, feuchten Kuh-Atem ins Gesicht pusten ließ, reifte der Entschluss – ich höre auf.

Die Aussicht darauf in wenigen Tagen wieder die Sorgen und Nöte anderer Menschen verständnisvoll begleiten zu müssen stresste mich. Ich war über alle Maßen genervt, bei jedem hervorgebrachten Problem rollte ich innerlich die Augen, wusste nach 5 Stunden Arbeit nicht mehr, wem was ich schon erzählt hatte und wem was noch nicht.

Mit 20, nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr hatte mich zwar ein Studiengang in Brandenburg interessant, doch hatte ich diese Idee bald wieder verworfen. Finanziell zu unsicher, zu weit weg von der Stadt erschien es mir.

Mit 28, allein mit Kind und eigener Wohnung wollte ich es nun aber wagen.

Ich hatte die Angst verloren, vor dem Ungewissen, vor meinem eigenen Mut.

Es ging natürlich nicht sofort, aber direkt nach dem Urlaub teilte ich meinen Kolleginnen die getroffene Entscheidung mit, suchte Bewerbungsunterlagen zusammen, schaute nach Alternativen.

9 Monate später hielt ich die Zusage in den Händen, einen Monat später hörte ich auf zu arbeiten, saß zwei Wochen später mit wackligen Knien das erste Mal im Hörsaal.
Dieses eine Mal Aufhören statt Weitermachen habe ich bisher keine Sekunde bereut.

Nicht, als das Bafög 10 Monate auf sich warten ließ. Auch nicht, als ich die Hälfte aller Prüfungen geschoben habe (so ziemlich jedes Semester), da ich das Lernpensum nicht bewältigte, weil es auf dem Spielplatz einfach zu laut war.

Ich hatte mehr Zeit für mein Kind, für mich. Abends den Kopf frei, konnte mein Handy Zuhause vergessen und trotzdem ausgiebig im See planschen.
Ob ich das Studium jemals abschließen werde, weiß ich nicht.

Die Aussicht auf einen Job ist mau, bis dahin liegen noch viele unangenehme Prüfungen vor mir.

In meiner neugewonnen Freiheit hatte ich Zeit, „einen“ (ptahaha) neuen Mann kennen zu lernen. Wir haben ein Baby bekommen. Ich war seit einem Jahr nicht mehr in der Uni, meine Kommiliton*innen bereiten derzeit ihre Bachelorarbeit vor, ich habe seit drei Tagen nicht mehr geduscht.
Was ich sagen will?

Nicht immer sieht Weitermachen so aus wie Weitermachen. Manchmal lohnt sich ein Perspektivwechsel um etwaige Richtungsänderungen in Betracht ziehen zu können.
Das mag etwas pathetisch klingen, aber: tief drinnen in mir habe ich die Gewissheit, dass es immer irgendwie weiter gehen wird, bis zum letzten Atemzug. Das sämtliche Bedrängnisse und Nöte nur temporär sind, ich es wagen kann, sie ändern zu wollen und das Leben dann einfach passiert.

In meiner wilden Punkrock-Zeit stand mit Chlorix auf meinem Shirt: Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen.

Testen. Oder auch: Unsere Verwahrlosung

2.24Uhr.
Alle schlafen, endlich.
Bis vor 10 Minuten war das große Kind noch wach, hockte vorm Tablet.
Wir Eltern und das Baby sind schon längst schlafen gegangen, ich bin eher aus Versehen eingeschlafen (konnte mich dem Sog nicht entziehen) und habe dem großen Kind daher nicht Bescheid gesagt, dass ich den Tag jetzt ganz offiziell beende.
Irgendwann stand es dann vor mir, es hatte noch Hunger. Ich erinnere mich dunkel an „Kühlschrank….Joghurt“. Später stand es wieder da, ich solle etwas kochen.
Anschließend verzweifeltes Weinen vor der Schlafzimmertür, weil der Hunger so stark sei, zudem wäre ihm langweilig und – der Klassiker – es sei einfach nicht müde. Die Uhr vorm Park draußen zeigte 1.45 Uhr.

Taumelnd wanke ich mit ihm ins Kinderzimmer, bespreche Lautstärke vs. Schlaf anderer, sowie meine akute Kochunlust.
Noch mehr Tränen, mehr Empörung.
Einen Joghurt später frage ich, ob es nicht doch mit ins Bett kommen möchte.
Kurz darauf kuschelt sich der lange Kerl an mich, freut sich über die Wärme und sagt: „Danke Mami, dass du mich ins Bett gebracht hast.“

Wieder was gelernt.
Wir beide.

Und nun gehabt euch wohl.

Emanzipation und so..

Das alte Lied: kommen Kinder ins Haus ist es mit obiger recht schnell vorbei.

Ich kenne ein paar Blogs wo versucht wird (wurde?) gegen diese scheinbar automatische Rückkehr ins Uga-Uga-Zeitalter anzugehen, im offline Leben ist es dann wohl aber doch meist so, dass die drei K’s (Kinder, Küche, Kram wegräumen) an der Frau der Hetero-Beziehung hängen bleiben.
Die Ausprägung des Hängen bleibens schwankt von Paar zu Paar natürlich stark.

Im ganz, ganz, GANZ nahen Umfeld habe ich ein Pärchen, wo der Papa Zuhause tatsächlich nichts macht. Also wirklich NICHTS. Weil: viel Arbeit, müde und so. Er überlegt mal ein Wochenende ins Wellness-Hotel zu fahren, um einfach richtig entspannen zu können. Daheim mit dauernörgelnd (und weinender) Frau nebst ebensolchem 4-monatigen Kind funktioniert das mit dem Entspannen halt irgendwie schlecht.
Ich kann da nur noch hysterisch kichern.
Und trösten.

Hier läuft es im Vergleich dazu dann doch um Längen besser und trotzdem kann ich meine Kinderfreie Zeit an einer Hand abzählen. (Genau drei Mal: Zwei Mal hatte das Baby eine OP und ich bin Rotz und Wasser heulend durch die Gegend marschiert, ein Mal hatte der Gingerman es mit draußen und ich hab die Kinderwäsche umsortiert. Yeah.)

Immerhin stoße ich mit meinem Wunsch nach me-time auf Verständnis, ernte reuige Besserungsversprechen und liebevolle Umarmungen. (Ob ich das in Zukunft als Zahlungsmittel bei Aldi einsetzen kann?)

Zumindest bei uns ist das Problem auch ein wenig hausgemacht, weil ich meine Bedürfnisse häufig erst „kommuniziere“ wenn meine Contenance sich gerade in kreischenden Tobsuchtsanfällen verabschiedet.
Warum der Gingerman noch nicht Gedanken lesen gelernt hat, ist mir ein Rätsel.

Dummerweise hege ich nämlich nach wie vor die Annahme, dass er doch wissen muss, dass JETZT die Gelegenheit des Sonntags wäre, mir das Baby „abzunehmen“. (Schon die Wortwahl. Helfen, abnehmen, unterstützen. Peinlich.)

Nicht in 20min, da will das Baby ja 10min später schon wieder an die Brust und meine Auszeit mit im Nebenzimmer vor sich hin nörgelndem Kind ist dann doch anstrengender, als selbst Sorgetragende zu sein.

Und so verbringe ich wohl weiterhin die Sonntagabende mit Wäsche aufhängen, während das vor mich gebundene Kind versucht den Wäscheständer abzulecken und der Gingerman tödlich gelangweilt auf seinen Bildschirm starrt, obwohl er doch eigentlich „etwas schönes“ mit mir machen wollte. (Hä? Ich hab echt keine Ahnung, was das sein sollte, so zu dritt mit unleidlichem Baby…er leider auch nicht.)

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Nehmt Abschied Schwestern…

Mit krankem Baby liege ich dauerstillend im Bett, bis auf mein Handy sind so ziemlich alle anderen Beschäftigungsmöglichkeiten außer Reichweite.

Und (haltet euch fest): ich denke nach.
Heiliges Bächle.

Schon länger treibt mich die Überlegung um, einen neuen Blog zu beginnen.
Dieser hier erscheint mir nicht mehr passend für mein derzeitiges Leben.
Dokumentiert ist hauptsächlich mein Alltag allein mit dem Igelkind, zum Teil sehr persönlich und häufig auch einfach nicht unbedingt in meinen Hoch-Zeiten niedergeschrieben.
Inzwischen wäre mir vieles davon zu offen und ich würde es nicht mehr so schreiben. Beim Durchlesen macht sich doch eher ein düsteres Bild breit.

Mir fehlt das Schreiben, anscheinend habe ich da in der (durchaus selbstgewählten) Einsamkeit des Baby-Alltags ein größeres Bedürfnis nach virtuellem Ausdruck, als ich das mit einem 4-5jährigen Kind hatte.

Aber: wo will ich hin, wer bin ich und wenn ja – wieviele? Ausgelutscht, aber irgendwie doch wahr.

Im analogen (Sie hat anal gesagt.) Leben habe ich das Gefühl, diese Fragen zufrieden stellend beantworten zu können, angekommen zu sein.
Das war während des Kraehenmutter-Blogs nicht so.

Was für einen Blog möchte ich nun also in Zukunft führen?

Mode, Kosmetik, Autos?
Wohl eher nicht, dazu fehlen Geld, Zeit und Interesse.

Buchbesprechungen und Reiseblogs lese ich gern, habe allerdings selbst nicht genügend Input um damit regelmäßig Content anbieten zu können (so bloggt mensch doch in 2017, oder?).

Am liebsten lese ich selbst Blogs mit easypeasy Ideen zum Selbermachen, schönen Fotos und Texten zum Nachdenken.

Bekomme ich das zeitlich hin? Will das ernsthaft wer lesen, das machen doch andere schon lange viel besser, oder?

Mal schauen, wenn mir die Erleuchtung kam, werde ich wohl nicht mehr an mich halten können und ihr bekommt es wohl oder übel mit.