Zwischen den Kisten

Mal wieder schlaflos, mal wieder Klinik.
Nichts schlimmes, aber doch so, dass wir eine Nacht hier bleiben sollten.

Das Baby liegt auf mir, schläft endlich. Eigentlich müsste ich seit circa drei Stunden auf die Toilette, uneigentlich ist es hier eh zu hell, als das ich schlafen könnte. Egal irgendwie.

Durchs offene Fenster zwitschern die ersten Vögel, das Nachbarskind schnorchelt beim Schlafen ganz ähnlich wie das große Kind Zuhause.

Hinter uns liegt eine unruhige Nacht, mit viel Herumlaufen, Tragen und Abwägen.
Irgendwann habe ich dann doch die 112 gewählt, kurz darauf standen eine sehr nette Notärztin nebst Sanitäter in unserem Umzugs-Kisten-Chaos im Wohnzimmer.
Die Fahrt in die Klinik war deutlich ruckeliger, als ich mir das so immer vorgestellt hatte.

Zwischenzeitlich haben wir eine Stunde im Gärtchen vor der Notaufnahme gesessen um zu schauen, ob die Medikamente anschlagen.
Das Baby schlief in meinen Armen, ich habe dem Gingerman den bisherigen Verlauf geschildert, der musste beim großen Kind Zuhause bleiben.
Direkt nebenan hat eine Frau ihr Kind bekommen, die Kreißsaalfenster waren weit geöffnet.
Ruhig war es, mild und dunkel bei uns auf der Bank.
Im Kreißsaal hell, anstrengend, stellenweise laut.
Ergreifend, einfach zuhören zu dürfen in solch einem intimen Moment, auch, wenn ich mir dabei ein wenig störend vorkam.
Nichtsdestotrotz hätte ich nicht tauschen wollen, war froh, mein großes Baby im Arm wiegen zu können.

Auch froh, hier sein zu können.
Trotz des unbequemen Bettes, dem beengten Zimmer, den Umständen wie sie in einer Klinik halt so sind.
Diese Möglichkeit der blitzschnellen Maximalversorgung haben nur wenige Menschen auf der Welt.

magic spell

Irgendwann mal habe ich auf dem Blog von Nicola Schmidt gelesen, es wäre wichtig einem Kind jeden Tag zu sagen, dass eine es liebt.
Jo, locker, das sag ich doch eh ständig.
Dachte ich.
Stimmt auch, allerdings nur im Herzen.
Das ich diese drei Worte tatsächlich ausspreche passiert viel, viel, VIEL zu selten.
Dabei leuchtet sein Gesicht jedes Mal auf, wenn ich doch mal daran denke, es auch auszusprechen.
Warum vergesse ich das so häufig?

Da quatschen wir den lieben langen Tag, lachen, streiten, versöhnen uns. Mein Partner bekommt zusammenhangslos meine Liebesbekundungen zu hören, das kleine Baby Knutscher und das große Kind?
Eine Umarmung, von oben. Durch die Haare gestreichelt. Das dritte Eis heute. Den letzten Pfannkuchen. Ich trage es schlafend vom Auto ins Haus und freue mich über die langen staksigen Beine unter unserer Bettdecke.

Ich hoffe einfach, er weiß, wie es in mir drin aussieht.
Wie mein Herz kurz stolpert, wenn ich an ihn denke und er nicht da ist. Wie diese Liebe den ganzen Brustkorb durchzieht, bis in den Magen hinein, oft schon zuviel ist.
Wie ich schon Tage vorher aufgeregt bin, dass er bald wieder zu uns kommt.
Das mein Highlight der Woche der Mittwoch Nachmittag ist, wenn ich ihn von seinem Training abhole, häufig zu spät, mit verschwitztem Gesicht, weil ich rennend versucht habe, noch pünktlich zu kommen.
Das ich seine zwei Donuts (einmal rosa, einmal braun) immer mitbringe, auch wenn er mich nicht daran erinnert.
Das ich immer Sonntags schlechte Laune habe, weil er wieder geht.
Das ich auch nach fünf Jahren Wechselmodell immer noch häufig kurz weinen muss, wenn sich die Tür hinter den beiden schließt und ich dann unauffällig vom Fenster aus beobachte, wie sie davon radeln, mein Herz sich in die Länge zieht und mein ganzer Körper hinterher rennen will.

Ob er da nicht ahnt, wie viel er mir bedeutet?
Aber nein, das ist für ihn selbstverständlich. Er ist ja schließlich mein Kind und erwartet nichts anderes als meine grenzenlose, bedingungslose Liebe zu ihm.
Die Resultate dieses Gefühls zu erfahren ist normal, deren Fehlen wäre auffällig.

Heute habe ich ihn wieder in die Papazeit verabschiedet.
Erst als ich dann anschließend Zuhause war, fiel mir auf, dass ich es schon wieder kein einziges Mal wirklich gesagt habe.
Vielleicht hilft ja ein Post-it.